Lebenswelten und Milieus

Milieu und Lebensweltforschung

„Die unterschiedlichen Räume, in denen Menschen leben, sind voller Spuren, die auf Gott hinweisen. Sie zu entdecken und mit der Botschaft des Evangeliums zu verbinden, ist Aufgabe einer zeitgemäßen christlichen Verkündigung“.[1]

Kirche und Gesellschaft befinden sich in deutlichen Veränderungsprozessen hin zu einer Vielfalt von Lebensentwürfen und Lebensformen der Menschen. Weitgehend übereinstimmende soziale Grundstrukturen und Werteübereinkünfte weichen einer größer werdenden Pluralität. Mehr denn je steht die Kirche vor der Herausforderung, auf diesem Hintergrund die Lebens- und Sinnfragen der Menschen von heute zu kennen und mit ihnen umzugehen.

Bei allen Bemühungen um eine zukunftsfähige Pastoral in den Pastoralen Räumen (Pastoralverbünde und Pastorale Räume) kommt es entscheidend darauf an, diese Lebenswirklichkeiten der Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenslagen und Lebenswelten zu verstehen. Die qualitative Lebensweltforschung gibt uns mit ihren Erkenntnissen hierzu hilfreiche Zugänge zu den unterschiedlichen Wertebindungen, Einstellungen und Lebensstilen der Menschen. Diese soziokulturellen Befunde werden durch anschauliche Milieubeschreibungen in ihrer Differenzierung verständlich und einsichtig. Durch milieusensible Beschreibungen der Lebenswelten bekommen wir differenzierte Zugänge zu gesellschaftlichen Entwicklungen und damit direktere Zugänge zu religiösen und pastoralen Fragestellungen, als es mit den „nur“ sozioökonomischen Daten möglich ist.

Zugänge, die uns die Lebensweltforschung bietet:

  • Abbildung gesellschaftlicher Wirklichkeiten
  • Angebot einer Sicht auf das Leben der Menschen aus soziologischer und soziokultureller Perspektive
  • Eine „Sehhilfe“ zur Beschreibung von Lebenswirklichkeiten verschiedenster gesellschaftlicher Gruppierungen
  • Einblicke in vertraute und fremde Lebenswelten von Menschen

Auf dem Feld der qualitativen Lebensweltforschung gibt es unterschiedliche Milieumodelle. Seit 2006 arbeiten wir im Erzbistum Paderborn mit dem Modell der „Sinus-Milieus“ und der Studie zu den „Religiösen und kirchlichen Orientierungen in den Sinus-Milieus 2005“ vom Institut „Sinus Sociovision“ in Heidelberg, einem Projekt der „Medien-Dienstleistung GmbH“ München in Kooperation mit der „Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle e. V.“ der Deutschen Bischofskonferenz (heute Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral [KAMP] mit Sitz in Erfurt).

Das Milieumodell von „Sinus Sociovision“ wurde 2010 aktualisiert und den Veränderungen in den Lebenswelten angepasst. Ebenso erschien 2013 mit dem „MDG-Milieuhandbuch 2013“ ein Update zu den „Religiösen und kirchlichen Orientierungen in den Sinus-Milieus“.

Mittlerweile gibt es weitere qualitative Forschungen und Fortschreibungen im Feld der Milieustudien vor dem Hintergrund der damaligen Studie durch das „Delta-Institut für Sozial- und Ökologieforschung GmbH“ in München: „Soziale Milieus in Deutschland 2011. Ein Gesellschaftsmodell“.[2]

Bisherige Erfahrungen zeigen, dass durch die Delta-Studie mit ihren Beschreibungen von gesellschaftlichen Milieus und jeweiligen Sub-Milieus tiefer gehende Einblicke für die pastorale Praxis möglich werden.

Darüber hinaus kann man auf weitere Milieustudien des Sinus-Institutes[3] verweisen, die für besondere Zielgruppen und Themenfelder entwickelt wurden, wie z. B. die Jugendstudie „Sinus-Milieustudie U27, Wie ticken Jugendliche?“, „u 18“ – die Sinus-Jugendstudie 2012, die Sinus-Studie zu den Migranten-Milieus „Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland“ und die Elternstudie „Eltern unter Druck“. Erwähnenswert ist weiterhin die Studie „Eltern-Lehrer-Schulerfolg“.[4]

Zudem gibt es die Möglichkeit, mit Geodaten zu arbeiten. Dieses Material, welches Daten zu Größe und Verteilung gesellschaftlicher Milieus in den Pastoralen Räumen beinhaltet, verhilft zu einem Überblick, Menschen welcher Milieus in unseren Räumen leben. Hieraus können Erkenntnisse und Herausforderungen gezogen werden, die die jeweilige pastorale Planung und Konzeptentwicklung in einem Raum deutlich prägen. Aufgrund der Zusammenschau von Beschreibungen gesellschaftlicher Milieus und den speziellen Geodaten, also des Überblicks über plurale Lebenswirklichkeiten im Sozialraum, wird die Herausforderung, „wozu wir Kirche sind an genau diesem Ort“ sicher noch einmal neu zu stellen sein. Zumindest dann, wenn wir uns als Kirche für alle Menschen und als Christen mit einem Sendungsauftrag in diese Welt hinein verstehen.

Informationen und Daten sind erhältlich im Referat für Pastorale Planung und Konzeptentwicklung im Erzbischöflichen Generalvikariat in Paderborn.


[1] aus: Zeit zur Aussaat, Sekretariat der DBK 2000, S. 9 f.

[2] vgl. Carsten Wippermann: Milieus in Bewegung, Würzburg 2011, Echter Verlag

[3] nähere Angaben siehe: SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH, Heidelberg

[4] vgl.: H. Huthmacher, E. Hoffmann, M. Borchard, (Hg.): Eltern – Lehrer – Schulerfolg, von C. Wippermann, K.

Wippermann, A. Kirchner, Stuttgart 2013