Talentförderung: Paderborner Potenziale

Die FRISCHZELLE - Was sie ist und was sie kann

Die FRISCHZELLE ist ein Ergebnis aus einem Kooperationsprojekt zwischen dem ZAP (Zentrum für angewandte Pastoralforschung, Bochum) und dem Erzbistum Paderborn, das sich mit der Forschungsfrage nach der Berufung der Menschen und der Entdeckung von Charismen auseinandersetzt. Im Rahmen dieses Projektes wurden Engagierte nach ihren Motiven für ihr ehrenamtliches Engagement befragt.

Eine wesentliche Erkenntnis war, dass Menschen ein großes Interesse dafür haben, ihre Talente einzusetzen, sie aber im Ehrenamt auch Erfahrungen machen, die sie alleine nicht deuten können.[1] Hier bedarf es eines verständlichen Angebotes, durch das Menschen ein Ausdruck ihrer Gefühle und deren Deut

ung ermöglicht wird. Es geht darum, gemeinsam mit ihnen in ihrem Tun ein MEHR an Bedeutung zu entdecken und ihrem Handeln einen Sinn und eine höhere Bedeutung zu verleihen. Entsprechend wurde auf Basis des Effectuation-Ansatzes und des Talentkompasses NRWs, der den Menschen ganzheitlich mit seiner Lebensgeschichte, seinen Erfahrungen, Talenten und Eigenschaften in den Fokus nimmt, ein Tool (die FRISCHZELLE/ TALENT-KÜHLSCHRANK) entwickelt. Es geht dabei um die Aktivierung der je eigenen Ressourcen, um das individuelle Potenzial wirksam zu entfalten.[2] Aufgrund der Idee, ein Tool zu entwickeln, mit dem es gelingen kann, möglichst breite und unterschiedlichste Zielgruppen zu erreichen, wurde bewusst die Koch-Metapher aus dem Effectuation-Beispiel aufgegriffen und umgesetzt.

Die FRISCHZELLE ist demnach ein Talent-Kühlschrank, mit dessen Hilfe es möglich werden soll, mit Menschen in einen Dialog über ihre Fähigkeiten und Interessen zu treten und anhand dessen mögliche Einsatzfelder zu ermitteln. Methodisch spiegelt die FRISCHZELLE das Leben eines jeden individuellen Menschen. Der menschliche Kühlschrank ist gefüllt mit unterschiedlichsten Lebensmitteln. Die Lebensmittel symbolisieren die Erfahrungen, Erlebnisse, Prägungen, Fähigkeiten, Talente… des einzelnen Menschen. Kein Kühlschrank ist identisch und jeder einzelne ist mit anderen Lebensinhalten gefüllt (Theologie der Berufung). Anhand kreativer Methoden wie bspw. der FRISCHZELLE-Karten verbalisieren Menschen ihre Motive und Begabungen durch gezielte Fragen (Bsp.: Hefe: Worin gehe ich auf? / Chilli: Wofür brenne ich?). Ebenfalls ist es möglich, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, bspw. anhand einer Geschichte über das persönliche „Perfekte Dinner“, bei dem jeder eine Situation beschreibt, die ihm sehr gut gelungen ist und anschließend in der Kleingruppe Fähigkeiten und Eigenschaften ermittelt werden, die zum Gelingen dieses Ereignisses beigetragen haben. Im weiteren Verlauf wird ein „Menü-Plan“ (Handlungsentwurf) erstellt, in dem weitere Möglichkeiten entwickelt werden, inwiefern diese Potenziale ausgeschöpft werden können, um das MEHR aus den Menschen herauszuholen und dem eigenen Handeln einen Bedeutungs- und Sinnzuwachs zu geben.  

Die FRISCHZELLE kann sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppenberatung eingesetzt werden. Desto mehr Zeit investiert wird, desto tiefergehend und weiterführend sind die Erkenntnisse. Als Minimum (z.B. bei der Arbeit mit den FRISCHZELLE-Karten) sollte eine Stunde angesetzt werden, besser sind Halbtages- oder Tagesveranstaltungen. Das Tool wird inklusive einer Praxis- und Begleitbroschüre ab Winter 2017 beim Erzbistum oder beim ZAP zu beziehen sein. Eventuell wird es möglich sein, die FRISCHZELLE beim Bistum oder beim Dekanat/KEFB auszuleihen. Seminare für Engagierte oder Interessierte können über das Referat angefragt werden. Es wird darüber hinaus an einem Curriculum zur Ausbildung von Multiplikatoren gearbeitet.



[1] Erzbistum Paderborn und ZAP (Hrsg.): Taufberufung als Referenzgröße zukunftsweisender Bistumsentwicklung. Zwischenbericht zum Modellprojekt, Paderborn und Bochum 2016, abrufbar unter: http://www.zap-bochum.de/content/workingpaper_Zwischenbericht_Projektgruppe_Taufberufung_04.2016.pdf, aufgerufen am 05.08.2017

[2] Zur Vertiefung: Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen: Talentkompass NRW. Fähigkeiten und Interessen erkennen und einsetzen, Düsseldorf 20132.

 


 Für die Schulung zum Potenzialcoach gibt es hier eine Ausschreibung: Das Faltblatt mit allen Informationen zum Download.

Informationen:

Julia Fisching-Wirth
Referat für Pastorale Planung und Konzeptentwicklung der Pastoralen Räume
Tel.: 05251 125 1651, Email: julia.fischingwirth@erzbistum-paderborn.de

oder Kathrin Speckenheuer
Referat Theologische Grundlagenarbeit
Tel.: 05251 125 1678, Email: kathrin.speckenheuer@erzbistum-paderborn.de

oder Daniela Deittert
Referat für Ehrenamtsförderung
Tel.: 05251 125 1519, Email: daniela.deittert@erzbistum-paderborn.de


EXKURS EFFECTUATION - Mit vorhandenen Mitteln zum Ziel kommen

Auch wenn der Effectuation-Ansatz[1] hauptsächlich im wirtschaftlichen Kontext zur Anwendung kommt, lässt er sich mit seinen Prinzipien hervorragend auf die aktuelle kirchliche Situation übertragen und kann theologisch gedeutet werden. Insbesondere mit dem Blick auf pastorale Innovation kann er grundlegend zum Verständnis einer talentorientierten Ehrenamtsförderung beitragen.

Der Ansatz soll zunächst anhand eines einfachen und alltäglichen Beispiels anschaulich erläutert werden:

Stellen Sie sich vor: Sie haben einen anstrengenden achtstündigen Arbeitstag hinter sich und kommen mit knurrendem Magen nach Hause. Ihr erster Weg führt Sie entsprechend in die Küche. Dort angelangt bieten sich Ihnen jetzt zwei Möglichkeiten: Der Gang zum Regal, um ein Kochbuch herauszunehmen, es aufzuschlagen und ein spezifisches Gericht, dass bei Ihnen auf dem Tisch landen soll, herauszusuchen und zu kochen. Eventuell müssen Sie dafür noch in den Supermarkt fahren, um alle passenden Zutaten parat zu haben. Die zweite Möglichkeit stellt der Blick in den eigenen Kühlschrank dar. Sie öffnen ihn und kochen sich etwas aus den Lebensmitteln, die Sie da haben. Sie überlegen sich, was Sie aus dem vorhandenen Schönes und Kreatives zaubern können.[2]

Das erste Beispiel bezieht sich auf zielorientiertes Kochen: Es wird ein bestimmtes Ergebnis anvisiert, für das bestimmte Dinge/Mittel gebraucht werden. Das andere Beispiel verfolgt den Ansatz einer Mittelorientierung: Nicht das Rezept/Ziel dient als Ausgangspunkt, sondern die Dinge, die bereits da sind. Das Ziel ist demnach offen und richtet sich nach den vorhandenen Möglichkeiten.

Die zweite Möglichkeit des Kochens, die Mittelorientierung, steht für das, was mittels Effectuation erreicht werden soll, nämlich die Orientierung an den Mitteln (Fähigkeiten, Kompetenzen, Interessen), die Menschen von vornherein mitbringen und einsetzen wollen.

Im Umgang mit der hohen Komplexität und den gesellschaftlichen sowie kirchlichen Herausforderungen, eignet sich die Methode gut dafür, Vorhaben mit ungewissem Ausgang in einer Organisation zu gestalten.[3] Mit Blick auf Engagementförderung bedeutet dies: Die Entwicklung neuer Ideen für Projekte und Aufgaben auf Grundlage der vorhandenen Talente der Menschen. Dabei verfolgt Effectuation die Strategie, aus Ungewissheit etwas Neues, Dynamisches und Wertvolles für die Welt zu kreieren und diese zu gestalten, was demnach mit dem Desiderat des Erzbistums Paderborn einer Erneuerung und Weiterentwicklung von Kirche einhergeht. Mit der Orientierung an den Fähigkeiten und Interessen muss die Grundhaltung seitens der Träger einhergehen, dass nicht sie allein entscheiden, was das Ziel des Engagements ist, sondern dieses vielmehr von äußeren Umständen, Zufällen und den Ideen ehrenamtlich Interessierter abhängig ist.[4]

Der Effectuation-Ansatz basiert auf vier Prinzipien, die gut auf das Anliegen von Engagementförderung übertragen werden können:[5]

1)     Prinzip der Mittelorientierung: Der Mensch ist mit seinem Wissen, seinen Erfahrungen, seinen Interessen und seinen Fähigkeiten Ausgangspunkt aller Überlegungen, was auf Grundlage dieser als Ergebnis erzielt werden könnte. Dabei gilt es, die Multivalenz hinsichtlich mehrerer möglicher Ziele im Blick zu behalten.

Mit Blick auf die Kühlschrankmetapher bedeutet dies, dass die Menschen sich ihrer Begabungen, ihres Wissens und ihrer Kontakte bewusst werden. Sie entscheiden selber, was sie in welchem Umfang einbringen wollen und was nicht und ermitteln Möglichkeiten und Vorstellungen davon, was sie aus dem Vorhandenen machen könnten. Eine weitere Entscheidung betrifft die Überlegungen, mit wem und für wen man eigentlich kochen möchte; also mit wem man zusammen arbeiten und für wen man sich einsetzen möchte. An dieser Stelle gewinnt der Träger und seine Organisationskultur (Werte und Überzeugungen) an Relevanz, die gezielt und verständlich nach außen kommuniziert werden muss, um Menschen auf sich aufmerksam zu machen, die ähnliche Denkmuster verfolgen.

2)     Prinzip des leistbaren Verlustes: Eine ressourcenorientierte Engagementförderung erfordert es, ggf. neue Felder ehrenamtlichen Engagements zu entwickeln. Neue Projekte und die Umsetzung neuer Ideen erfordern seitens der Träger eine Auseinandersetzung damit, was machbar und leistbar ist. Die vorhandenen Möglichkeiten und Vorstellungen sollten anhand von Kriterien auf ihre Praxistauglichkeit überprüft werden. Aus den Entscheidungsalternativen mit unbekannter Erfolgswahrscheinlichkeit wird die subjektiv und objektiv attraktivste ausgewählt und erprobt. Im Falle eines Nicht-Gelingens gilt es, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern vielmehr auf die vorhandenen Möglichkeiten und weiteren Ideen zurückzugreifen und die Alternativen auszuprobieren.

3)     Prinzip der Umstände und Zufälle: Effectuation ist darauf ausgelegt, dem Zufall eine Chance zu geben. Theologisch gesehen bedeutet dies, dem Wirken des Hl. Geistes Raum zu eröffnen. Durch äußere Umstände und Zufälle kann es passieren, dass das eigentliche Ziel sich zugunsten einer neuen Idee verändert und Prozesse der Engagementförderung dadurch einige Überraschungen für die Träger bereithalten. Die Verantwortlichen haben dann die Aufgabe, den Vorteil der neuen Möglichkeiten kreativ und innovativ zu nutzen.

Prinzip der Vereinbarungen und Partnerschaften: „Wer Neues in die Welt bringen möchte, kommt um das Schließen von neuen Partnerschaften und Allianzen nicht herum.“[6] Es liegt eine große Chance darin, Menschen mit möglichen Partnern zusammenzubringen, da auch diese wiederum neue Mittel (Interessen, Motive, Wissen, Netzwerke, Fähigkeiten) einbringen können. Auf diese Weise können wertvolle Co-Kreationen und ein wachsender Mittel-Pool entstehen. Für Träger werden in dieser Hinsicht zwei Dinge relevant: Zum einen hat der Träger die Aufgabe, eine Vernetzung potenzieller engagierter Partner zu ermöglichen, als auch selbst eine Kooperation mit anderen Organisationen einzugehen, um die Möglichkeiten einer optimalen Engagemententfaltung zu fördern. Zum anderen bedeutet dies für die Träger aber auch, sich auf fremde Geschmäcker einzulassen und die Offenheit dafür, die eigene Komfortzone zu verlassen und vorher nie da gewesenes auszuprobieren. Nur auf diese Weise kann es gelingen, alte Strukturen zu lösen und neue innovative Dinge umzusetzen.



[1] Zur Vertiefung: Faschingbauer, Michael: Effectuation. Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln, Stuttgart 2013

[2] Beispiel entnommen aus: Ebd., S. 37f.

[3] Vgl. Faschingbauer, Michael: Effectuation. Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln, Stuttgart 2013, S.XI.

[4] Vgl. ebd., S.5

[5] Hierzu vertiefend: ebd., S. 35-96.

[6] Vgl. Faschingbauer, Michael: Effectuation. Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln, Stuttgart 2013, S. 83.